75 Jahre VVN Hessen

27. September 2021

Die Feier zum 75. Geburtstag der VVN am 18. Juli in Frankfurt-Höchst war unserer kurz zuvor verstorbenen Ehrenvorsitzenden Esther Bejarano gewidmet.
Ihr Bild auf der Bühne begleitete uns an diesem Nachmittag.
Ulrich Schneider eröffnete die Feier mit dem Gedenken an diese großartige Frau, an ihren Mut und ihre beispielhafte Tatkraft gegen Faschismus und für die Verwirklichung der Menschenrechte bis zuletzt.
Rund 200 Gäste aus ganz Hessen waren auf das Freigelände an der Jahrhunderthalle gekommen.

Wir veröffentlichen hier die Rede von Ulrich Schneider:

In diesem Jahr feiern verschiedene antifaschistische Gruppe den 100. Geburtstag der „Antifa“ – sie nehmen dabei Bezug auf die ersten organisierten Gruppen in Italien, die Arditi del Popolo, die sich gegen den Vormarsch der faschistischen Schwarzhemden, der Mussolini-Schlägertruppe wehrten.
Auch in Deutschland entstanden Anfang der 1920er Jahre die ersten antifaschistischen Initiativen aus den Reihen der Arbeiterbewegung, der Antifaschisten-Tag der KPD, die „Antifaschistische Aktion“ und Anfang der 1930er Jahre die sozialdemokratische „Eiserne Front“.
Wenn wir heute den 75. Jahrestag der Gründung der hessischen VVN begehen, dann können wir zurecht daran erinnern, dass viele der Frauen und Männer aus Hessen, die sich in diesen Monaten in den VVN zusammenfanden, Teil dieser antifaschistischen Bewegung waren, die sich dem aufkommenden Faschismus und später dem Faschismus an der Macht entgegenstellten. Und so ist es überhaupt nicht anmaßend, wenn wir als VVN in Anspruch nehmen, tatsächlich diese hundertjährige Geschichte der antifaschistischen Bewegung zu repräsentieren.
Aber – und das macht den erweiterten Charakter der VVN nach 1945 aus – sie repräsentierte von Anfang an auch diejenigen, die aufgrund der faschistischen Zuschreibung z.B. in der Rassepolitik und der sozialen Ausgrenzungen als „Opfer des Faschismus“ erheblichen Unterstützungsbedarf hatten.

75 Jahre VVN – 18.7.2021 – Höchst

Frauen und Männer aus Widerstand und Verfolgung hatten – beauftragt von den alliierten Besatzungsoffiziere – unmittelbar nach der Befreiung 1945 als Bürgermeister, Polizeichefs, Schul- und Sozialdezernenten oder – wie der ehemalige Dachau-Häftling Oskar Müller – als Arbeitsminister in der ersten hessischen Landesregierung ihren Beitrag zum antifaschistisch-demokratischen Neubeginn geleistet. Sie schufen überparteiliche antifaschistische Komitees, wirkten in den antifaschistisch-demokratischen Parteien.

Sie bauten die Betreuungsstellen für politisch, rassisch und religiös Verfolgte auf, an deren Spitze vertrauenswürdige Kameradinnen und Kameraden standen. Ich möchte hier nur einige wenige nennen: Otto Roth und Lore Wolf in Frankfurt, Karl Schild in Offenbach, Ria Deeg in Gießen und Max Mayr in Kassel.
Mit dieser Arbeit verbanden die Antifaschisten mehr als nur die Sicherung von Entschädigung und Sozialfürsorge. Sie nutzten dies zur politischen Vernetzung im Sinne der Verwirklichung des politischen Vermächtnisses der Überlebenden. Und bald schon zeigte sich die Notwendigkeit einer eigenständigen Organisation der Widerstandskämpfer und Verfolgten:
Zum einen wurden die Betreuungsstellen in Behörden umgewandelt, sie hatten damit zwar eine staatliche Funktion, jedoch keine politische Selbstständigkeit mehr. Zweitens veränderte sich das gesamte politische Klima, die Ost-West-Konfrontation wurde immer sichtbarer und das politische Gewicht der Stimme der Antifaschisten schien abzunehmen.

Auf diese Entwicklung reagierten die Überlebenden der faschistischen Verfolgung, indem sie eigene Vereinigungen schufen, wobei selbst ihre Organisation durch die Alliierten lizenziert werden musste. Ohne jedoch auf formale Genehmigungen der Besatzungsmacht zu warten, organisierten sie – trotz großer Schwierigkeiten – informelle Treffen zwischen den Zonenbeauftragten der Verfolgten. So kamen im August 1946 in Hanau – und damit verbindet sich unsere heutige Feier zum 75. Gründungsjubiläum – Vertreter aus Hamburg, Berlin, Nordrhein-Westfalen, Stuttgart und Frankfurt zusammen, um die Strukturen für eine gemeinsame Organisation aller Nazigegner zu beraten. Als Name wurde – wie Emil Carlebach später berichtete – mit Rücksicht auf die Westalliierten „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ gewählt.

Nun gründeten die Überlebenden in zahlreichen hessischen Städten VVN-Orts- und Kreisvereinigungen, u.a. in Kassel, Gießen, Hanau, Offenbach, Darmstadt und Frankfurt/M. Anfang 1947 war dieser Prozess so weit abgeschlossen, dass mit Zustimmung der Alliierten für den 24. Februar 1947 eine Landesversammlung in Gießen einberufen werden konnte, wo ein Landesvorstand gewählt wurde. Dieser Vorstand repräsentiert damals die gesamte Bandbreite des politischen Spektrums der antifaschistisch-demokratischen Organisationen und alle wichtigen Opfergruppen faschistischer Verfolgung. An der Spitze stand Dr. Hans Mayer, Marxist, Jude, Emigrant, Staatsrechtler und Literaturwissenschaftler, der – zurückgekehrt aus dem Schweizer Exil – 1945/46 als politischer Redakteur bei Radio Frankfurt, dem Sender der Amerikaner gearbeitet hatte. Wegen kritischen Anmerkungen über Entnazifizierung und andere Bereiche der Besatzungspolitik war er von dieser Aufgabe entbunden worden. Nun setzte er sich mit großem Engagement und klaren Worten für die sozialen und politischen Interessen der ehemaligen Verfolgten ein.

Ich kann und will an dieser Stelle jetzt keinen Gang durch die Geschichte der BRD machen, obwohl es durchaus reizvoll wäre, das Wirken der VVN gegen politische Restauration, Renazifizierung und Remilitarisierung nachzuzeichnen. Dass sich die Organisation dabei mit den Regierenden anlegte – egal ob es die sozialdemokratische hessische Landesregierung war oder die Adenauer-Administration, in der ein Nazijurist wie Hans Globke Kanzleramtsminister sein konnte – dürfte verständlich sein.
Ebenso wie die Tatsache, dass auch der Kalte Krieg und die damit verbundenen innenpolitischen Konflikte keinen Bogen um unsere Organisation machten. So erlebten wir auch in Hessen die Folgen des Unvereinbarkeitsbeschlusses der SPD, sowie später den Austritt von Prof. Eugen Kogon und einige seiner Freunde, die den „Verband für Freiheit und Menschenrecht“ gründeten. Zwar erreichte dieser Verband zu keinem Zeitpunkt tatsächliche politische Bedeutung oder eine größere Mitgliederzahl, aber er wurde durch Gelder des Bundesinnenministeriums finanziell am Leben erhalten. Für die Medien war damit die Stigmatisierung der VVN als kommunistische Organisation gegeben.

Die VVN erlebte in diesen Jahren nicht nur eine politische Stigmatisierung, ihr praktisches Handeln wurde durch polizeiliche Eingriffe immer wieder behindert.
1951 wurde der Gesamtdeutsche Rat der VVN, der in Frankfurt seinen Sitz hatte, durch die Adenauer-Regierung verboten, das Büro durch hessische Polizei geschlossen. Die Stadt Frankfurt verbot damals eine Gedenkkundgebung der VVN und die Stadt Kassel untersagte der VVN sogar die Teilnahme an der Einweihung des Mahnmals für die Opfer des Faschismus. Zwar wurde dies später per Gericht als rechtswidrig erklärt, aber es zeigt das politische Klima dieser Jahre.
Ein Lichtblick: Trotz Forderungen der CDU weigerte sich die SPD-Landesregierung, ein Verbot der hessischen VVN in Erwägung zu ziehen.

APO und Studentenbewegung veränderten die Perspektiven auf alte Nazis in Amt und Würden („Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“) und damit auch auf die Arbeit der VVN, so dass die Antifaschisten auch unter jungen Leuten politisches Gehör fanden. Die VVN reagierte durch die Öffnung der Organisation für nachgeborene Generationen und hieß seitdem VVN-Bund der Antifaschisten – ein Schritt, der richtig, aber in manchen Kreisvereinigungen durchaus mühselig war.

Doch die politischen Herausforderungen waren offenkundig. Hier nur als Stichworte: Die Zunahme von alt- und neofaschistischen Provokationen, Hakenkreuz-Schmierereien und NPD–Wahlerfolge (in Fraktionsstärke im hessischen Landtag).
Gleichzeitig ging es um die Bewahrung der Erinnerung an Widerstand und Verfolgung. Dazu gründeten in diesen Jahren Vertreter der VVN gemeinsam mit Pädagogen und Wissenschaftlern hier in Frankfurt den Studienkreis deutscher Widerstand 1933-1945 e.V.

Ein sichtbares Zeichen der gewachsenen politischen Bedeutung von Antifaschismus und der antifaschistischen Organisation war der 10. Mai 1975, als auf dem Frankfurter Römerberg 40.000 Menschen– zum größten Teil aus den jüngeren Generationen – zum ersten Mal den Tag der Befreiung feierten.

In den folgenden Jahren war die hessische VVN-BdA aktiver Teil verschiedener Großaktionen und Kundgebungen – insbesondere gegen alte und neue Nazis, als es in Frankfurt gegen das Deutschland-Treffen der NPD ging oder in Oberaula und Bad Arolsen gegen die SS-Traditionstreffen. Die VVN war sichtbar und eine anerkannte Kraft in der demokratischen Bewegung unseres Landes.

Bei diesem kursorischen Rückblick auf die Verbandsgeschichte kann ich dennoch natürlich nicht auslassen, dass die hessische VVN-BdA in der Umbruchsperiode von 1989/90 ebenfalls in arge Probleme kam, da hauptamtliche Strukturen nicht mehr finanzierbar waren, Mitglieder die Organisation verließen und auch in Hessen CDU-Vertreter meinten, jetzt die VVN-BdA als DDR-Organisation angreifen zu müssen.

In dieser Periode haben sich in Hessen besonders unsere älteren Mitglieder mit großem persönlichem Einsatz für den Erhalt der Organisation eingesetzt. Ich möchte an dieser Stelle nur drei namentlich erwähnen, die sich im besonderen Maße für die hessische VVN-BdA eingesetzt haben:
Peter Gingold, der für diese Arbeit unermüdlich selbst viele unerquickliche Debatten und Sitzungen über sich ergehen ließ, 
Lorenz Knorr, der als Hesse sich Anfang der 1990er Jahre besonders auf Bundesebene engagierte,
und Peter Altmann, der als quasi ehrenamtlicher Landessekretär die Weiterarbeit der Landesorganisation ermöglichte.
Mit ihrer Hilfe und dem Engagement vieler Nachgeborener gelang es in den letzten drei Jahrzehnten die Organisation zu stabilisieren, zu profilieren und zu einem bis heute beachteten politischen Faktor zu machen.

An diesem 75. Jahrestag stehen wir vor neuen Herausforderungen für die Zukunft unserer Organisation, nämlich die Fortsetzung der Arbeit, wo unsere Zeitzeugen verschwunden sind. Welche moralische und politische Anerkennung sie besaßen, hatte in den vergangenen Jahren Esther Bejarano unter Beweis gestellt, die sich mit ihrem emotionalen Appell: „Es brennt, und die Politik sperrt die Feuerwehr aus“ mit großer öffentlicher Resonanz in die Auseinandersetzung um die Aberkennung der Gemeinnützigkeit für die VVN-BdA eingemischt hat.

Die Lücken, die der Verlust dieser Zeitzeugen reißt, sind nicht ernsthaft zu schließen. Wir – als Angehörige der nachgeborenen Generationen – müssen auf anderen Ebenen versuchen, das gemeinsame antifaschistische Anliegen fortzusetzen.

75 Jahre VVN – 18.7.2021 – Höchst

Drei Aspekte sind aus meiner Sicht dabei zentral:
1) Die Autorität der Zeitzeugen-Generation, die als Person im politischen Alltag Kristallisationspunkt und „Schnittmenge“ unterschiedlicher Strömungen waren, können wir nur durch eine intensive und vertrauenswürdige Bündnisarbeit kompensieren. Die VVN-BdA muss sich als zuverlässiger und handlungsfähiger Partner in politischen Bündnissen beweisen, wobei wir besonders auf die Integration unterschiedlicher Handlungsformen und inhaltlicher Zugänge zum Antifaschismus achten sollten.

2) In unserer Geschichtsarbeit geht es um zwei Perspektiven:
Wir müssen tatsächlich gegen alle Formen des historischen Vergessens ankämpfen. Dabei können wir als „Zeugen der Zeitzeugen“ auftreten, denn viele von uns sind durch die Begegnung mit Frauen und Männern aus Widerstand und Verfolgung selber Mitglied in den Reihen der VVN-BdA geworden.
Schwerpunkt in unserer Geschichtsarbeit kann nicht allein die allgemeine Aufklärung über die NS-Zeit sein, sondern insbesondere der Blick auf die Frauen und Männer, die diesem verbrecherischen Regime unter dem Risiko für Gesundheit, Freiheit und Leben widerstanden haben. An sie zu erinnern ist unsere Aufgabe.

3) Natürlich handeln wir gegen Neofaschismus und alle Formen von Rassismus, gegen Aufrüstung und Kriege als Fluchtursache, gegen den Abbau demokratischer Rechte und gegen Diskriminierungen in den verschiedenen Formen.
Wir haben dabei aber auch eine positive Vision einer neuen, sozial gerechten, menschenwürdigen, demokratischen, friedlichen Gesellschaft. Nicht im Sinne einer parteipolitischen Orientierung oder eines bestimmten Gesellschaftsmodells, sondern im Sinne des Schwurs von Buchenwald, also eine Gesellschaft, in der der Nazismus mit seinen gesellschaftlichen und sozialen Wurzeln beseitigt ist und eine neue Welt des Friedens und der Freiheit geschaffen wird.

Diese Vision haben wir entwickelt im gemeinsamen Handeln mit unseren politischen Müttern und Vätern, wie Ettie und Peter Gingold, Emil Carlebach, Lore Wolf, Otto Roth und nicht zuletzt Esther Bejarano.
In ihrem Sinne setzen wir unseren gemeinsamen antifaschistischen Kampf fort.

Wir werden sie nie vergessen: Ehrenpräsidentin Esther Bejarano gestorben

10. Juli 2021

Heute Nacht ist unsere Ehrenpräsidentin Esther Bejarano ruhig und friedlich eingeschlafen.

Wir alle kannten Sie als eine Frau von großer Entschiedenheit und geradezu unglaublichem Elan, die viele von uns noch bis vor kurzem auf der großen Bühne erleben durften. Zuletzt saß sie am 8. Mai auf unserer kleinen Bühne im Hamburger Gängeviertel und erzählte von ihrer Befreiung am 3. Mai 1945 durch Soldaten der Roten Armee und der US-Armee, die kurz nacheinander in der kleinen Stadt Lübsz eintrafen. Dort hatte Esther mit einigen Freundinnen aus dem KZ Ravensbrück Unterschlupf gefunden, nachdem sie gemeinsam dem Todesmarsch entflohen waren.

Wenige Tage zuvor, am 3. Mai, den sie ihren zweiten Geburtstag nannte, hat Esther sich noch mit einer Video-Botschaft zum Tag der Befreiung an uns alle gewendet. Darin bezog sie noch einmal deutlich Stellung zu aktuellen Auseinandersetzungen in der Stadt Hamburg und im ganzen Land. Obwohl sie dabei schon im Rollstuhl saß, waren ihre Worte klar und ihre Stimme kräftig:

https://www.auschwitz-komitee.de/5249/esther-bejarano-wir-sind-da-meine-befreiung-im-mai-1945-und-meine-hoffnungen/

Wir verdanken Esther viel; sie war immer da, wenn wir sie brauchten.

Als 1990 zum ersten Mal ein Bundessprecher:innenkreis gewählt werden sollte und dafür Personen gesucht wurden, die Tradition und „Neuanfang“ verkörperten, stand sie dafür zur Verfügung und wurde eine unserer ersten Bundessprecherinnen in einer Zeit, in der wir der Diffamierung des Antifaschismus als „diskreditiert“ und „überkommen“ entgegentreten mussten. Sie hat einen großen Anteil daran, dass das gelungen ist.

Zum 50. Geburtstag der VVN richtete sie zusammen mit Peter Gingold einen bewegenden „Appell an die Jugend“:

https://perlavitamovie.files.wordpress.com/2013/08/appell-an-die-jugend-vers-2005-esther-bejarano-und-peter-gingold-doc.pdf

Als im November 2019 das Finanzamt für Körperschaften in Berlin unsere Gemeinnützigkeit bestritt, schritt sie mit ihrem flammenden Appell an Olaf Scholz „Das Haus brennt und Sie sperren die Feuerwehr aus“ ein und verbreiterte die öffentliche Debatte. Damit hat sie wesentlich zu unserem Erfolg in dieser Auseinandersetzung beigetragen.

Nun ist die unermüdliche „Zeitzeugin“ gegen Vergessen des historischen und Verharmlosen des aktuellen Faschismus, Mahnerin und Kämpferin für Menschenrechte, Frieden und eine solidarische Gesellschaft von uns gegangen. Sie wird uns fehlen, vielen von uns auch als verlässliche Freundin.

Wir denken ans sie in Dankbarkeit, Trauer und Liebe.

Nehmen wir ihre letzte öffentliche Botschaft als Vermächtnis und arbeiten wir weiter daran, dass der 8. Mai endlich auch in Deutschland ein Feiertag wird, so wie sie es in ihrer Rede am 3. Mai noch einmal vorgetragen hat:

„Ich fordere: Der 8. Mai muss ein Feiertag werden! Ein Tag, an dem die Befreiung der Menschheit vom NS-Regime gefeiert werden kann. Das ist überfällig seit sieben Jahrzehnten. Und hilft vielleicht, endlich zu begreifen, dass der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung war, der Niederschla­gung des NS-Regimes. Am 8. Mai wäre dann Gelegenheit, über die großen Hoffnungen der Menschheit nachzudenken: Über Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und Schwesterlichkeit.“

75 Jahre VVN – Open-Air-Veranstaltung der hessischen VVN-BdA in Kooperation mit der Brotfabrik – Kulturprojekt 21 e. V.

4. Juli 2021





Liebe Freunde und Freundinnen der VVN-BdA, wir werden feiern: 75 Jahre VVN – Open-Air-Veranstaltung der hessischen VVN-BdA in Kooperation mit der Brotfabrik – Kulturprojekt 21 e. V. „…in Dreiteufelsnamen gründen wir die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes.“ So berichtete Emil Carlebach von einem Vorbereitungsgespräch mit Vertretern der Verfolgten aus den vier Besatzungszonen. Eigentlich sollte die Organisation der Widerstandskämpfer „Kampfbund gegen den Faschismus“ heißen. Das stieß bei den westlichen Alliierten auf Ablehnung. Deshalb: „in Dreiteufelsnamen“. Man traf sich dann am 20. und 21.Juli 1946 in Frankfurt am Main zu einer Besprechung der Hauptausschüsse aller Zonen, „die ausschließlich dem Zwecke diene, über alle Zonen hinweg zu einer einigen Zusammenfassung aller deutschen Kameraden zu gelangen“, wie es in der Vorankündigung hieß. Am 10. August 1946 wurden in Hanau die programmatischen Ziele und die Satzung beschlossen. Das sind nun 75 Jahre her. Genau betrachtet, ist es kein Grund zum Feiern. Hatten doch unsere Gründerinnen und Gründer ein vereintes antifaschistisch-demokratisches Deutschland aufzubauen wollen, das dem Frieden und der Freiheit verpflichtet sein sollte und in dem die Wurzeln des Nazismus beseitigt sein würden. Was ist davon erreicht? Wir feiern trotz alledem! Trotz angedrohtem Verbot in den fünfziger Jahren, trotz Verhaftungen von führenden Funktionären in den fünfziger und sechziger Jahren, trotz Diffamierung und Bespitzelung durch die Geheimdienste von Beginn an bis heute. Wir sind da! Gestärkt durch viele neue und junge Mitglieder und stark durch die Treue unserer langjährigen Mitglieder, sind wir kein bisschen leise, geht es weiter gegen Faschismus, Rassismus und Krieg. Wir feiern: am Sonntag, den 18. Juli, ab 16.00 Uhr auf dem Freigelände der Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst. WICHTIG: Der Eintritt ist frei, melden Sie sich aber bitte vorher für ein Ticket online an: brotfabrik.de/vvn oder Tel.Nr. ADticket Hotline 0180 60 50 400

Rede von Dr. Ulrich Schneider zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion

29. Juni 2021

Wenn wir heute aus deutscher Perspektive an den Überfall auf die Sowjetunion, den so genannten „Fall Barbarossa“ erinnern, dann müssten wir über viele Aspekte sprechen: 

Über die Kriegsvorbereitung, über die verbrecherische Durchführung mit ihren Kriegsverbrechen, die Behandlung der Kriegsgefangenen und die Ausplünderung der Sowjetunion, der besondere Charakter dieses Krieges als ideologisch legitimierter Vernichtungskrieg gegen den „jüdischen Bolschewismus“ bis zum Prinzip der „verbrannten Erde“ beim von der Roten Armee erzwungenen Rückzug.  

Aus diesen vielen Perspektiven möchte ich nur drei herausgreifen, die m.E. in der öffentlichen Debatte in der Regel zu kurz kommen. 

„Vergessen“ wird in aller Regel, dass schon das zaristische Russland in der Expansionsplanung der aggressivsten Kräfte im Kaiserreich, beim „Alldeutschen Verband“, eine zentrale Rolle gespielt hat. So gehörte schon damals aus deren Sicht  das gesamte Baltikum bis Sankt Petersburg zur originären deutschen Herrschaftszone. Während die Schwarzerde-Region der heutigen Ukraine als erweiterte „Kornkammer“ des Deutschen Reiches angesehen wurde. Man sieht also, geostrategische Ziele und Begründungen der faschistischen Aggression waren schon Jahrzehnte auf der Agenda des deutschen Imperialismus bei seinem Griff nach der Weltmacht. 

Adolf Hitler reproduzierte in seinen Großmachtvorstellungen, wie er sie 1924 in „Mein Kampf“ niederschrieb, eigentlich nichts anderes, als was durch die politisch und ökonomisch einflussreichen Kräfte des kaiserlichen Deutschlands längst vorgedacht war. Er ergänzte diese Überlegungen jedoch – mit Blick auf die revolutionäre Entwicklung in Russland und den Aufbau der Sowjetunion – um die antibolschewistische Komponente, die bei ihm und in der Ideologie der faschistischen Bewegung insgesamt in dem Feindbild der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ zusammenlief, deren Hort das „Weltjudentum“ und die Sowjetunion war. 

Allein schon deshalb war es für die faschistische Herrschaft prinzipiell ausgeschlossen, zu einer Verständigung mit der UdSSR zu kommen, die ein gemeinsames Arrangement bezogen auf die Einflussverteilung in der Welt ermöglicht hätte.

Wer so etwas behauptet – und die Gleichsetzung von Hitler und Stalin bzw. des faschistischen Deutschland und der Sowjetunion war in der Zeit des Kalten Krieges in den 1950er und 1960er Jahre in unserem Land durchaus propagandistischer Standard, sie zeigt sich jedoch auch jüngst in der Erklärung des Europäischen Parlaments vom 19. September 2019 ,  wer also so etwas behauptet, der ignoriert bewusst die historischen Fakten und versucht, die politische Verantwortung für die faschistische Aggression quasi „gleichmäßig auf beide Seiten“ zu verteilen.   

Wer die historischen Fakten ernsthaft betrachtet, kann gar nicht anders, als festzustellen, dass es beim Überfall auf die Sowjetunion um eine Expansion im Sinne langfristiger Kriegszielplanung des deutschen Faschismus/ Imperialismus ging. 

Auch ein zweiter Fakt wird in der öffentlichen Erinnerung gerne „vergessen“:

Nach den militärischen Erfolgen der deutschen Wehrmacht gegen Polen, in Skandinavien und an der Westfront gab Adolf Hitler für die Reichsregierung am 21. Juli 1940 die Weisung zur Erarbeitung einer Angriffsplanung gegen die Sowjetunion an die Wehrmachtsführung. Das war gerade einmal ein Jahr nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags, der bekanntlich im September 1939 durch einen „Freundschaftsvertrag“ ergänzt worden war. Es wäre ein eigenes Thema, über diesen Vertrag und sein Zustandekommen zu sprechen, aber aus der Sicht der Sowjetunion war es allein eine strategische Option, die von dem Denken geprägt war, „Wer per Handel die Waren bekommt, die er benötigt, der wird dafür keinen Krieg führen.“ Wie illusionär diese Überlegung der sowjetischen Außenpolitik war, mussten die Menschen in der Sowjetunion ab Sommer 1941 grausam erleben.  

Schon Anfang Dezember 1940 fand eine Beratung der Reichsregierung mit der Generalität zur Ausgestaltung der Kriegsplanung gegen die Sowjetunion statt, bevor am 18. Dezember 1940, also ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Überfall der Plan „Unternehmen Barbarossa“ vorgelegt werden konnte. 

Speziell für diesen Feldzug wurden „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland“ verfasst, mit denen die einzelnen Soldaten und örtlichen Kommandeure nicht nur Handlungsfreiheit erhielten, sondern aktiv zu Kriegsverbrechen aufgefordert waren. Wörtlich heißt es in dem „Straffreiheitserlass“ vom 13. Mai 1941: „Dieser Kampf verlangt rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden und restlose Beseitigung jeden aktiven und passiven Widerstandes … gegenüber allen Angehörigen der Roten Armee – auch den Gefangenen – ist äußerste Zurückhaltung und schärfste Achtsamkeit geboten, da mit heimtückischer Kampfweise zu rechnen ist. Besonders die asiatischen Soldaten der Roten Armee sind undurchsichtig, unberechenbar, hinterhältig und gefühllos.“ Diese rassistischen Anweisungen kamen nicht aus dem Propagandaministerium, sondern stammten aus der Feder der Wehrmachtsführung. 

Eine wichtige Rolle spielte der von General Wilhelm Keitel unterzeichnete „Kommissar-Befehl“ vom 6. Juni 1941, also ebenfalls vor Beginn der Aggression. In den Strukturen der Roten Armee gab es eine Gruppe von Polit-Offizieren, so genannten „politischen Kommissare“, die laut Anweisung der Wehrmachtsführung nicht als Kriegsgefangene zu behandeln seien. Sie seien bereits an der Front zu töten. Wurden sie erst später entdeckt, verbrachte man sie zur Liquidierung in die Konzentrationslager. Allein im KZ Buchenwald ermordete die SS in der Exekutionsanlage im „Pferdestall“ über 8000 sowjetische Kriegsgefangene, die als Häftlinge in das Lager verschleppt worden waren, auf der Grundlage des „Kommissar-Befehls“.

Dieser Überfall  war ursprünglich bereits für das Frühjahr 1941 geplant. Der Krieg auf dem Balkan, der mit dem Eingreifen der Wehrmachtseinheiten im April 1941 gegen das Königreich Jugoslawien und anschließend gegen Griechenland einen weiteren Kriegsschauplatz an der südlichen Flanke militärisch eröffnete, führte dazu, dass der Überfall tatsächlich erst am 22. Juni 1941 erfolgte. 

Allein diese Chronologie der Kriegsvorbereitung verweist alle Erzählungen von geschichtsrevisionistischen Kreisen, dass Hitler nur einem unmittelbar bevorstehenden Angriff der sowjetischen Truppen zuvorgekommen sei (die so genannte „Präventivschlag-These“, die übrigens schon von der faschistischen Propaganda selber verbreitet wurde), ins Reich der Legenden. Nein, dieser Krieg war von Seiten des deutschen Faschismus ideologisch und praktisch lange geplant und vorbereitet worden. 

Ein dritter Aspekt, der in der öffentlichen Debatte nur unzureichend behandelt wird, sind die faschistischen Kriegsziele, die Zerschlagung der Sowjetunion, die wirtschaftliche Ausplünderung und die Ermordung von Millionen Menschen als Teil des „Vernichtungskrieges“. 

Bei der Aufspaltung der Sowjetunion bediente man sich der nationalistischen Kräfte in diesem Vielvölkerstaat. Ansatzpunkte fanden die deutschen Faschisten bei den baltischen Nationalisten, bei den ukrainischen Bandera-Nationalisten und bei den verschiedenen Völkern im Kaukasus, die nicht nur hofften, einen eigenen Teil vom „Kuchen“ zu erhalten, sondern sich auch als Freiwillige der SS-Einheiten in den antibolschewistischen Kampf einbinden ließen. Dass der deutsche Faschismus – nach dem Endsieg – keinesfalls Unabhängigkeitsrechte einzuräumen bereit war, ist bekannt.

Bei der Ausplünderung ging es – wie in der Kriegsplanung und bereits in Hitlers „Mein Kampf“ ganz offen ausgesprochen – um die Rohstoffreserven der UdSSR, um die Weizenfelder und Agrarprodukte der ukrainischen Schwarzerde-Region, um die Öl- und Gasvorkommen im Kaukasus, um Eisenerz und die industriellen Kapazitäten in den westlichen Republiken der Sowjetunion. All das wurde in der Planung zum „Fall Barbarossa“ bereits als Ressource eingeplant, um den Krieg gegen die UdSSR überhaupt führen zu können. Das nach Osten vorrückende Millionenheer sollte sich aus den Vorräten der örtlichen Bevölkerung versorgen und damit den dort lebenden Menschen die Lebensgrundlage nehmen. Schon dies zeigt, in welchem Umfang dieser militärische Einsatz von Anfang an ein Vernichtungskrieg gegen die „slawischen Untermenschen“ sein sollte.

In eine gemeinsame Form gegossen wurde diese Ausplünderung im „Generalplan Ost“, der als „genozidales Langzeitprojekt“ (Dietrich Eichholz) der faschistischen Kriegsplanung anzusehen ist. Es ging dabei um die geplante Ostkolonisation mit germanischen Siedlungsgebieten („Lebensraum im Osten“), um eine Massenvertreibung und Vernichtung von bis zu 50 Mio. Menschen aus den betreffenden Gebieten und den Einsatz der Verbliebenen als Zwangs- und Sklavenarbeiter. 

Der dritte Aspekt war die gezielte Vernichtung jüdischer Menschen, von Sinti und Roma sowie „slawischer Untermenschen“ in den okkupierten Gebieten. Noch hatte die Wannsee-Konferenz, auf der die Massenvernichtung besprochen wurde, nicht stattgefunden (20.1.1942), aber das politische Ziel der Vernichtung aller jüdischen Menschen war bereits in den Köpfen aller Verantwortlichen präsent. Schon die ersten Wochen des Überfalls auf die Sowjetunion waren begleitet von zahlreichen Massenmorden, die teilweise gemeinsam mit örtlichen Kollaborateuren durchgeführt wurden. Im Wald von Rumbula ermordeten lettische Hilfspolizei und deutsche Einsatzgruppen-Einheiten 1941 über 15.000 jüdische Menschen. Im ukrainischen Lviv (Lemberg) verübten Wehrmacht und Bandera-Kollaborateure schon Ende Juni 1941 erste Massenmorde. Das wohl bekannteste Massaker ereignete sich Ende September 1941, als die Wehrmacht zusammen mit den Einsatzgruppen, unterstützt durch ukrainische Hilfspolizisten etwa 33.000 Kiewer Juden aus der Stadt zusammentrieben und in der Schlucht von Babyn Jar erschossen. Und das waren nur die bekanntesten Beispiele. 

Insgesamt summierten sich die Morde an der Zivilbevölkerung im Zuge des „Russland-Feldzuges“ auf etwa 20 Mio. Opfer, zu denen nicht zuletzt die über eine Mio. Opfer der 900tägigen Blockade von Leningrad gehörten. Hinzu kommen noch etwa 7 Mio. Angehörige der sowjetischen Streitkräfte. 

Vollkommen zu R echt wird im politischen Deutschland darauf verwiesen, dass die Ermordung von 6 Millionen europäischer Juden in den deutschen Vernichtungslagern aus rasse-ideologischen Gründen die Grundlage für eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und die „Staatsräson“ gegenüber dem Staat Israel bilden müsse. 

Was gegenüber dem Staat Israel gilt, scheint aber gegenüber den ebenfalls aus rasse-ideologischen Gründen ermordeten über 20 Mio. sowjetischen Zivilisten keine Gültigkeit zu haben. Wir erinnern uns, dass es fast 50 Jahre dauerte, bis diese Gesellschaft bereit war sich mit den Wehrmachtsverbrechen unter der Überschrift „Vernichtungskrieg“ ernsthaft zu beschäftigen. Ihr alle erinnert euch, wie damals Geschichtsrevisionisten und Apologeten der Wehrmacht dagegen hetzten, so auch während der Ausstellung damals hier in der Frankfurter Paulskirche.

Für mich bedeutet jedenfalls die Erinnerung an den 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion, dass unsere Gesellschaft und Politik Verantwortung und eine „Staatsräson“ gegenüber den Nachfolgestaaten der Sowjetunion besitzt. Und das bedeutet, dass nicht kalter Krieg und politische Abgrenzung sondern Dialog, nicht Konfrontation und Verschärfung der militärischen Spannung, sondern gemeinsame Sicherheitspolitik das Verhältnis der Staaten zueinander prägen müssen.

Wir erinnern: 80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion

20. Juni 2021

Am 22. Juni 2021 jährt sich der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion zum 80. Mal. Mit ihm begann ein Vernichtungskrieg schrecklichen Ausmaßes und mit Millionen von Toten. Wir erinnern an die Opfer des Krieges und alle Kämpfer:innen für die Befreiung.

Die VVN-BdA ruft zur Gedenkveranstaltung am Dienstag, den 22. Juni 2021 um 18:00 Uhr an der Paulskirche in Frankfurt auf, unter dem Motto „80 Jahre Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion“.

Vor 80 Jahren überfielen die Armeen Hitlerdeutschlands und ihrer Verbündeten die Sowjetunion. Dieser Krieg war nicht allein ein Eroberungskrieg um Raum und Ressourcen, sondern ein geplanter Vernichtungskrieg gegen den „jüdisch-bolschewistischen“ Feind. Die Generalität der Deutschen Wehrmacht machte mit dem „Kommissar-Befehl“, dem Generalplan Ost sowie dem Handeln der Einsatzgruppen deutlich, dass sie den Vernichtungskrieg von Anfang an unterstützte. Dieser brachte unendliches Leid über die Menschen und forderte mehr als 27 Millionen Opfer aus allen Teilen der Sowjetunion.

Mit dieser Veranstaltung treten wir für eine angemessene Erinnerung und Würdigung der Millionen Opfer des Vernichtungskrieges ein, gegen die Umdeutung der Geschichte und für eine Friedenspolitik, die im Dialog mit Russland und den anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine neue Politik der Entspannung und Abrüstung in Europa ermöglicht.

Die Gedenkveranstaltung wird mit russischer Musik umrahmt. Es sprechen: Ulrich Schneider (FIR und VVN-BdA), Mathias Jochheim (VVN-BdA, IPPNW), Detlef Schabicki: Meine russische Familie und Bruni Freyeisen: Biografie von Olga Aitmatov, ermordet in Frankfurt-Preungesheim.

Diese Veranstaltung wird unter Corona-Bedingungen stattfinden.

Die VVN-BdA hat einen Flyer erstellt, den Du hier lesen und abrufen kannst.

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