Alfred Marchand

Alfred Marchand (1907 bis 1999)

Alfred MarchandZu den Persönlichkeiten, die die Geschichte des Studienkreises Deutscher Widerstand wesentlich beeinflußten, zählte Alfred Marchand. Mehrere Jahre hat er mit großem Engagement im Vorstand gearbeitet. Sein ausgewogenes Urteil fußte auf reichen Erfahrungen aus dem Kampf gegen den Hitlerfaschismus, dem Exil in Palästina und über vier Jahrzehnten Einsatz gegen Antisemitismus und Neofaschismus. Erst im hohen Alter fand er Zeit und Kraft, umfassender über sein Leben zu berichten. Es ist das Verdienst von Barbara Bromberger, dass sie den 90jährigen dafür gewinnen konnte, ihr aus seinem Leben zu erzählen. Aus diesen Berichten ist das Buch entstanden.

 

Alfred Marchand ist am 29. April 1907 in einer jüdischen Familie in Erfurt geboren worden. Seine Eltern besaßen ein Schuhgeschäft. Der Sohn sollte dieses später übernehmen. Dafür erwarb er sich berufliche Fähigkeiten als Schuhmacher, Verkäufer und Dekorateur. Die Situation ausgangs der Weimarer Republik gestattete ihm aber nicht, ein geordnetes Berufsleben zu führen. Frühzeitig schloß er sich der Arbeiterbewegung an, zunächst der SPD und dann der KPD. In ihren Reihen nahm er an den Auseinandersetzungen mit den zur Macht strebenden Nazis teil. 1933 gehörte Marchand in Erfurt zu den jungen Antifaschisten, die brutal mißhandelt und danach in das KZ Lichtenburg verschleppt wurden. Diese Zeit ist im Buch eindrucksvoll dargestellt.

 

Bis 1936 dauerte die Gefangenschaft im KZ. 1938 gelang es Marchand, nach Palästina zu emigrieren. Hierher waren bereits vorher seine Eltern und Geschwister vor dem NaziTerror geflohen. Fast zwei Jahrzehnte wurden Palästina und Israel zu seiner zweiten Heimat. Im Buch werden wichtige Schlüsselereignisse dieser Jahre genannt, obwohl sich der Leser gerade in diesem Teil eine detailliertere Darstellung gewünscht hätte. Dies betrifft u.a. die Zeit des Zweiten Weltkrieges und auch die Teilnahme am Unabhängigkeitskrieg 1947/48. Im März 1958 kehrte Marchand nach Deutschland zurück und ließ sich in Frankfurt am Main nieder. Die Ausgangssituation wird anschaulich geschildert und auch seine über zwölfjährige Tätigkeit als Portier im „Kabinenhotel“ direkt am Frankfurter Hauptbahnhof. Hier wird ein besonderes Kapitel der Frankfurter Nachkriegsgeschichte lebendig. Wie in seinem ganzen Leben engagierte sich Alfred Marchand auch in Frankfurt in der Politik. Er schloß sich der SPD an, sein Betätigungsfeld sah er vor allem in den Gewerkschaften, bei der Arbeiterwohlfahrt und in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Besonders fühlte er sich verpflichtet, der Jugend die Wahrheit über Faschismus und Krieg sowie über den antifaschistischen Widerstand zu vermitteln. In vielen Frankfurter Schulklassen war er ein gern gesehener Gesprächspartner. Von besonderer Bedeutung für den 90jährigen war, dass am 7. März 1998 das Kinder- und Jugendhaus der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt in Preungesheim den Namen „Alfred-Marchand-Haus“ bekam. In das Buch ist auch die Rede aufgenommen, die der Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, Dr. Jürgen G. Richter, aus diesem Anlaß gehalten hat. Sie stellt, wie andere Dokumente und Fotos, eine wichtige Ergänzung des Gesamtbildes dar.

 

Am 9. November 1999 ist Alfred Marchand im Alter von 92 Jahren gestorben. Seine Freunde schrieben: „Wir trauern um einen engagierten Antifaschisten, er hat bis zuletzt die nach wachsenden Generationen über das nazistische Terrorregime aufgeklärt und konsequent gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Krieg und Neofaschismus gekämpft.“
 
Quelle: Studienkreis, informationen Nr. 56, Buchbesprechungen: Barbara Bromberger (Hg.): Alfred Marchand. Ich habe nie Langeweile gehabt. Ein Widerstandskämpfer gegen den Faschismus erzählt sein Leben. Frankfurt am Main: VAS, 2001.